Am Ziel deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel. Marie von Ebner Eschenbach

Archiv für November, 2010

Lima und ich

Bald bin ich raus aus dieser Stadt, aus der ich nun fast gar nicht mehr raus sein muss.

Als ob sie sich heimlich heimelig in mir einnisten will. Als ob sie mir ein wahres Zuhause sein will.

Als ob ich sie sein lasse.

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Es ist der Hund los

 

Als ich heute den Hund mit seinem Fahrgestell vorm Fenster vorbeilaufen sehe, faellt mir etwas auf: In meinem Herzen ist der Hund los. Es bellt in mir. Nicht nur als der behinderte Hund mit dem Fahrgestelll dankbar und des Lebens froh mich daran erinnert, dass er und sein Fahrgestell fuer mich wichtig sind.

Zunaechst kam Bodo, Chizu, klein, weiss, strubbelig, konnte kaum aus den Augen gucken vor lauter Gardine aus Haaren. Er war unsymphatisch dieser Kleine, aber nur zunaechst. Ploetzliche agressive Ausbrueche und Unantastbarkeit gehoerten zu seiner Person, bis ich auch Zuneigungsbbereitschaft und Lieblichkeit an ihm erkannte. Er wurde mein Freund und gehoerte nun auch rein herzenstechnisch zur Familie. Die Freundschaft bot sich auch an, da wir nur 3 Blocks voneinander entfernt wohnten. Da lief man sich ja oefter ueber den Weg.

Als Bono schon laengst akzeptiert und adoptiert war in mir, kam ich nach Iquitos. An einem mit wolkenbedeckten Morgen an dem die Schmetterlinge nicht fliegen wollen, sah ich einen Hund ohne Namen, ohne Zuhause, ohne Fressen, ohne Mensch an seiner Seite, sah ich dieses arme einsame Wesen das erste Mal. Und mein inneres Leid um ihn begann.

Er sass mitten auf dem Mercado in Bellavista und kratzte sich bitterlich, hoerte nicht auf und schaute sehr traurig. Ich sah Hund ohne alles nur an und fuehlte was er fuehlte. Ich glaube kein anderer sah Hund ohne alles. Ich aber hatte ihn im Visier. Ich glaube schon bei meinem ersten Besuch auf dem Mercado Bellavista stellten Hund und ich eine telephatische Verbindung her. Ich jedenfalls wollte er muesse jetzt sofort wissen, dass sich jemand um ihn scherte, dieses arme Ding. So schickte ich meinem Hund eine Nachricht in der geschrieben stand, er wuerde ein besseres Leben bekommen. Wie wusste ich allerdings nicht und verliess den Ort des Geschehens. Im Mototaxi zum Hotel betete ich Gott an er solle ihn zu sich nehmen. Hund hatte ein leidiges Leben, ich konnte nicht zugucken, ich hatte auch keine Loesung.

Am anderen Morgen kam ich zurueck nach Bellavista. Heute schien die Sonne und die Schmetterlinge fliegen, dachte ich und wollte meinen Hund ohne alles finden. Denn ueber Nacht hat mir Gott sein neues Zuhause geschickt – einen lieben Tierverein.

Er wehrte sich vor Schwachheit nicht, als ich ihn ins Mototaxi setze und ihn wegfahre. Ich koennte sonstwer sein. Sein kahler Koerper ist heiss, faellt mir auf, als ich ihn festhalte, meinen Hund. Leben ist in ihm. Mein Hund will leben. Ich telephatiere wieder mit ihm, dass er keine Angst zu haben braucht, er bekommt nun ein schoenes Leben mit Fell, Futter, freundlichen Menschen und Friede, Freude, Eierkuchen.

Es vergingen einige Monate bis ich wieder von ihm hoerte. Ich war schon wieder in Lima und bekam Post in Form von Fotos aus seinem Leben. Darauf lachte er, sah gluecklich aus und hatte schoenes neues Fell. In ein paar Zeilen erzaehlte er mir was er alles so frass tagein tagaus und dass sein Frauchen Molly ganz lieb zu ihm war. Er unterzeichnete mit Jessica. Mein Hund mit Namen, Zuhause, Fressen und Mensch an seiner Seite, dieses glueckliche Wesen. Ganz gluecklich machte mich das.

Waehrend der Monate, in denen ich darauf wartete von meinem Hund zu hoeren, wurde ich auf einen anderen aufmerksam. Fett, fellig und friedlich flaniert er tagein tagaus durch die Strassen von Miraflores. Ich sehe ihn meistens dreimal am Tag. Einmal am Morgen, wenn ich an meiner Arbeit aus dem Fenster schaue. Einmal am Nachmittag, wenn ich ihn bei meinem Spaziergang auf seinem Spaziergang treffe und einmal am Abend, wenn ich wieder aus dem Fenster schaue. Der Hund ist bei seinem Herrchen im Rollstuhl und das Herrchen im Rollstuhl ist bei seinem Hund. Und dazwischen gibts Liebe. Ganz viel Liebe. Sie halten sich fest obwohl sie nebeneinander herlaufen. Sie passen aufeinander auf. Sie haben nur sich. Wenigstens haben sie sich, denke ich. So flanieren die beiden durch Miraflores tagein, tagaus, tagaus, tagein. Ein Leben lang.

Zeit fuer die zwei waere viel wichtiger als alles, was immer gerade so wichtig ist, denke ich. Eines Tages halte ich mal an und sage Hallo und frage sie irgendwas, so dass sie mir aus ihrem Leben erzaehlen koennen… .

Nicola Kopp 21.10.2010

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