Am Ziel deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel. Marie von Ebner Eschenbach

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Lima und ich

Bald bin ich raus aus dieser Stadt, aus der ich nun fast gar nicht mehr raus sein muss.

Als ob sie sich heimlich heimelig in mir einnisten will. Als ob sie mir ein wahres Zuhause sein will.

Als ob ich sie sein lasse.

Es ist der Hund los

 

Als ich heute den Hund mit seinem Fahrgestell vorm Fenster vorbeilaufen sehe, faellt mir etwas auf: In meinem Herzen ist der Hund los. Es bellt in mir. Nicht nur als der behinderte Hund mit dem Fahrgestelll dankbar und des Lebens froh mich daran erinnert, dass er und sein Fahrgestell fuer mich wichtig sind.

Zunaechst kam Bodo, Chizu, klein, weiss, strubbelig, konnte kaum aus den Augen gucken vor lauter Gardine aus Haaren. Er war unsymphatisch dieser Kleine, aber nur zunaechst. Ploetzliche agressive Ausbrueche und Unantastbarkeit gehoerten zu seiner Person, bis ich auch Zuneigungsbbereitschaft und Lieblichkeit an ihm erkannte. Er wurde mein Freund und gehoerte nun auch rein herzenstechnisch zur Familie. Die Freundschaft bot sich auch an, da wir nur 3 Blocks voneinander entfernt wohnten. Da lief man sich ja oefter ueber den Weg.

Als Bono schon laengst akzeptiert und adoptiert war in mir, kam ich nach Iquitos. An einem mit wolkenbedeckten Morgen an dem die Schmetterlinge nicht fliegen wollen, sah ich einen Hund ohne Namen, ohne Zuhause, ohne Fressen, ohne Mensch an seiner Seite, sah ich dieses arme einsame Wesen das erste Mal. Und mein inneres Leid um ihn begann.

Er sass mitten auf dem Mercado in Bellavista und kratzte sich bitterlich, hoerte nicht auf und schaute sehr traurig. Ich sah Hund ohne alles nur an und fuehlte was er fuehlte. Ich glaube kein anderer sah Hund ohne alles. Ich aber hatte ihn im Visier. Ich glaube schon bei meinem ersten Besuch auf dem Mercado Bellavista stellten Hund und ich eine telephatische Verbindung her. Ich jedenfalls wollte er muesse jetzt sofort wissen, dass sich jemand um ihn scherte, dieses arme Ding. So schickte ich meinem Hund eine Nachricht in der geschrieben stand, er wuerde ein besseres Leben bekommen. Wie wusste ich allerdings nicht und verliess den Ort des Geschehens. Im Mototaxi zum Hotel betete ich Gott an er solle ihn zu sich nehmen. Hund hatte ein leidiges Leben, ich konnte nicht zugucken, ich hatte auch keine Loesung.

Am anderen Morgen kam ich zurueck nach Bellavista. Heute schien die Sonne und die Schmetterlinge fliegen, dachte ich und wollte meinen Hund ohne alles finden. Denn ueber Nacht hat mir Gott sein neues Zuhause geschickt – einen lieben Tierverein.

Er wehrte sich vor Schwachheit nicht, als ich ihn ins Mototaxi setze und ihn wegfahre. Ich koennte sonstwer sein. Sein kahler Koerper ist heiss, faellt mir auf, als ich ihn festhalte, meinen Hund. Leben ist in ihm. Mein Hund will leben. Ich telephatiere wieder mit ihm, dass er keine Angst zu haben braucht, er bekommt nun ein schoenes Leben mit Fell, Futter, freundlichen Menschen und Friede, Freude, Eierkuchen.

Es vergingen einige Monate bis ich wieder von ihm hoerte. Ich war schon wieder in Lima und bekam Post in Form von Fotos aus seinem Leben. Darauf lachte er, sah gluecklich aus und hatte schoenes neues Fell. In ein paar Zeilen erzaehlte er mir was er alles so frass tagein tagaus und dass sein Frauchen Molly ganz lieb zu ihm war. Er unterzeichnete mit Jessica. Mein Hund mit Namen, Zuhause, Fressen und Mensch an seiner Seite, dieses glueckliche Wesen. Ganz gluecklich machte mich das.

Waehrend der Monate, in denen ich darauf wartete von meinem Hund zu hoeren, wurde ich auf einen anderen aufmerksam. Fett, fellig und friedlich flaniert er tagein tagaus durch die Strassen von Miraflores. Ich sehe ihn meistens dreimal am Tag. Einmal am Morgen, wenn ich an meiner Arbeit aus dem Fenster schaue. Einmal am Nachmittag, wenn ich ihn bei meinem Spaziergang auf seinem Spaziergang treffe und einmal am Abend, wenn ich wieder aus dem Fenster schaue. Der Hund ist bei seinem Herrchen im Rollstuhl und das Herrchen im Rollstuhl ist bei seinem Hund. Und dazwischen gibts Liebe. Ganz viel Liebe. Sie halten sich fest obwohl sie nebeneinander herlaufen. Sie passen aufeinander auf. Sie haben nur sich. Wenigstens haben sie sich, denke ich. So flanieren die beiden durch Miraflores tagein, tagaus, tagaus, tagein. Ein Leben lang.

Zeit fuer die zwei waere viel wichtiger als alles, was immer gerade so wichtig ist, denke ich. Eines Tages halte ich mal an und sage Hallo und frage sie irgendwas, so dass sie mir aus ihrem Leben erzaehlen koennen… .

Nicola Kopp 21.10.2010

Grau

Ich fuehl mich kaputt, ausgebrannt, muede. Der Himmel ist grau, grau, grau. Lima. Lima la gris. Lima. Lima. Lima. Viel Routine. Man muesste mal raus. Aber man kommt nicht dazu. Man ist kompliziert.
Ich bin grau. Und will weiss werden. Licht werden. Licht anstreben. Immerzu und nur. Ich will die Kleine begruessen, ihr die Hand reichen und sie aus dem Brustgefuehl hinaus ziehen und ihr nur Gesundes verabreichen in jedem Moment! Sie soll gesund dem Licht entgegen gehen lernen.

Seelen

Was ist mit den Seelen, die überall in andere Richtungen laufen? Was tun Sie da in den Straßen? Welche Richtung gibt jenem Moment Sinn? Welche Richtungen geben dem Leben Sinn? Seelen, die verschiedene Gründe haben für verschiedene Wege. Von außen betrachtet ein Netz aus ständiger Bewegung von Seelen die kommen, gehen, sich begrüßen, gestikulieren, sich verabschieden, weiter gehen, umdrehen, wiederkommen, Eindrücke hinterlassen, festhaften irgendwo. Von außen betrachtet. Vom Bus aus betrachtet. Begleitet von Joaquin Sabina, der für das große Schauspiel die meisterhaftesten aller Worte  findet. Ich verstehe ihn. Was ist mit den Seelen, die sich zeitweise selbst bekämpfen? Seelen die sich zeitweise selbst nicht aushalten? Seelen ,die festhaften irgendwo. Sie fliegen hoch und stürzen wieder ab und enttäuschen ihre eigene Seele mit ihren komischen Wegen. Aber da ist doch Jesus der Retter. Warum haften sich Seelen nicht an ihn, wenn Sie Flugwind verlieren? Warum nur, wenn Sie aufsteigen? Dringe ein in die Seelen der Menschen!

San Isidro

Wir sind umgezogen. Seit 2 Wochen beobachte ich den neuen Stadtteil und mein Gefühl. Erst hat es sich gut angefühlt, dann wurde mein Gefühl gestört, jetzt ist es auf dem Weg der Besserung. Da gibt es die verlassene Clinica Italiana 2 Strassen weiter, dort spukts erzählt man. Da gibts die kleine alte Frau mit dem blauen langen Schleier auf dem Kopf. Sie hat ein Tuch auf Ihrer Schulter und Ihren Hund in einer Ecke liegen. Da gibt es die Sicherheitsfirma gegenüber unserers Fensters, 24 Stunden lang. Unser Big Brother. Da gibt es die Cousinen von meinem Freund, denen wir noch nicht begegnet sind, sie aber von weitem hinter ihren Fenstern sehen am Abend. Da gibt es die vielen kleinen Läden ums Eck, zwischen denen sich seltsame Menschen bewegen. Da gibt es einen großen Park in der Nähe, wo ich unheimisch joggen gehe und das Freiluftfitnesscenter benutze. Da gibt es die teuren und schicken Kauforte Wong und Vivanda am Ende der ruhigen Strassen mit grün. Da gibt es die Kirche wie eine des Jakobsweges in der ich beim deutschen Pfarrer heimisch werden will. Da gibt es unsere halbfertige Wohnung, die sich mit uns zu Hause fühlen will. Und mich, die das gleiche will, aber ich muss raus. Raus aus Lima, Amil, von hinten wie von vorne, ich muss raus aus dieser Stadt. Ich muss weg sein. Mich neu fühlen und dann zurückkommen in mein gutes Lima und in unsere Wohnung.

Der Clown in Lince

So schnell wollte ich garnicht beginnen, weil ich dachte mein Vorwort meiner Hauptworte müsse lang sein, so wie das alle Vorworte, gut durchdacht und erklärend, immer sind. Aber jetzt kommt mir vom Wartezimmer des Hospitals de la Solidaridad aus durch das Fenster ein Clown dazwischen. Er geht über den Fussgängerüberweg, hält aber an, setzt sich eine rote Nase auf seine Nase.. Dann schwimmt er über die Straße ohne Wasser. Jetzt hat er fertig gebadet, steigt aus dem Schwimmbecken an den Straßenrand und schüttelt sich aus seinen Ohren das Wasser. Die Hand aus dem Auto gibt ihm ein paar Münzen. Die rote Ampel bringt ihn in einem verschämten Auf- und Abgang ein wenig in Verlegenheit. Ich kann es durch das Fenster des Hospitals ganz genau sehen. Wie er sich wohl fühlt, dieser Mensch bei dem was er da macht, denke ich. Ich stelle mir vor, dass ich mich toll fühlen würde, wenn ich jetzt er wäre und mir mein Schatten für den Moment der Aufführung egal wäre. Toll! Einfach drüber springen. Zwischen meinen ersten Worten, versuche ich die Vorstellung zu verfolgen. Jetzt ist er Mechaniker, und zeigt an, wie das aussieht – Motorhabue auf, Öl rein, Wasser auffüllen, der Motorhaube nochmal zuwinken, zu. Wieder geben ihm Hände aus sich amüsierenden Gesichtern ein paar Münzen. Dann bin ich dran, die Vorstellung ist für mich beendet. Als ich mit der Untersuchung fertig bin, schaue ich aus dem Fenster, der Künstler ist weg. Schade.

Ich setze meinen Weg fort. Auf dem Weg nach Hause finde ich bei Manchitas Tierärztin wichtige Instruktionen, die zur Heilung eines kleinen Katers in Santa Marta, Kolumbien, beitragen sollen. Barbara und Torben haben ihn gefunden auf dieser Station ihrer Reise. Das Katerchen tut mir leid. Ich kann sein Wehgeschrei bis ins Universum fühlen. Tiergeschichten gehen mir an die Nieren. Alle Hebel sind jedoch in Bewegung gesetzt, so dass es diesem Katerchen bald besser geht. Dieses beruhigte Gewissen nehme ich gern mit ins Bett.

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